RecruitingFür Unternehmen02. November 2026·5 Min. Lesezeit

Fachkräftemangel Ostschweiz: Was die Zahlen für das Finanz- und Rechnungswesen zeigen

Jeremias Bär
Jeremias Bär
Talent Scout & Co-Founder talentgate
Frau mit Brille bespricht mit einem Mann Unterlagen mit Auswertungen am Tisch, als Sinnbild für ein Gespräch zur Besetzung einer Stelle im Finanz- und Rechnungswesen

Wer Ende 2025 die Wirtschaftsnachrichten verfolgte, las vor allem von Entspannung: Der Fachkräftemangel in der Schweiz ging das zweite Jahr in Folge zurück. Wer seit Monaten eine Controller:in in der Ostschweiz sucht, fühlt sich die Lage oft anders an. Die regionalen Zahlen stützen diesen Eindruck. 

Der Fachkräftemangel in der Ostschweiz ist laut dem Fachkräftemangel Index 2025 der Adecco Gruppe und der Universität Zürich weniger stark zurückgegangen als in allen anderen Grossregionen der Schweiz. In der Ostschweiz bleiben sieben von 32 Berufsgruppen knapp, schweizweit sind es vier. Zwei der sieben Ostschweizer Mangelgruppen betreffen das Finanzwesen.¹ ² 

Punktdiagramm zum Fachkräftemangel Index 2025: In der Schweiz weisen 4 von 32 Berufsgruppen einen Fachkräftemangel auf, in der Ostschweiz 7 von 32, davon 2 Finanzgruppen

Dieser Beitrag ordnet die Zahlen ein: wie der Fachkräftemangel gemessen wird, weshalb sich die Ostschweiz anders entwickelt, was für Buchhalter:innen, Controller:innen und Treuhänder:innen gilt und welche Schlüsse Unternehmen für ihre Rekrutierung ziehen können.

Drei Kennzahlen zum Fachkräftemangel in der Ostschweiz: 7 von 32 Berufsgruppen mit Fachkräftemangel 2025 (schweizweit 4), Rückgang des Fachkräftemangel Index 2025 um 15% (schweizweit 22%), Arbeitslosenquote im Kanton St.Gallen im September 2026 von 2,0% (Schweiz 3,0%)

Wie wird Fachkräftemangel gemessen?

Fachkräftemangel ist ein häufig verwendeter, aber selten sauber definierter Begriff. Der Fachkräftemangel Index Schweiz der Adecco Gruppe und des Stellenmarkt-Monitors Schweiz der Universität Zürich setzt für jede Berufsgruppe die Zahl der offenen Stellen ins Verhältnis zu den beim RAV gemeldeten Stellensuchenden. Je mehr offene Stellen auf eine stellensuchende Person kommen, desto ausgeprägter ist der Mangel.²

Für die Einordnung sind zwei Eigenschaften wichtig. Erstens ist der Index ein Jahreswert über vier Quartale: Der Wert 2025 umfasst das vierte Quartal 2024 und die ersten drei Quartale 2025. Zweitens bildet er vor allem Veränderungen ab. Das Basisjahr 2015 hat den Wert 100; ein Wert von 120 bedeutet, dass der gemessene Mangel seit 2015 um 20% zugenommen hat.² Ein Rückgang heisst also nicht, dass kein Mangel mehr besteht, sondern dass er kleiner geworden ist.

Wie gross ist der Fachkräftemangel in der Ostschweiz?

Schweizweit sank der Fachkräftemangel Index 2025 um rund 22% gegenüber dem Vorjahr. Die Zahl der offenen Stellen ging um 8% zurück, die Zahl der beim RAV registrierten Stellensuchenden stieg um 17%. Nur noch vier von 32 Berufsgruppen weisen national einen Mangel auf.

Balkendiagramm zum Rückgang des Fachkräftemangel Index 2025 nach Grossregion, die Ostschweiz mit dem geringsten Rückgang

Die Ostschweiz (Kantone TG, SG, AI, AR, GR, GL und SH) weicht von diesem Bild ab. Hier sank der Index 2025 um 15% und damit weniger als in jeder anderen Grossregion. In Zürich betrug der Rückgang 29%, in der Nordwestschweiz 26%.¹,² Der Index liegt in der Ostschweiz weiterhin über dem Niveau von 2019, also vor der Corona Pandemie. Sieben von 32 Berufsgruppen weisen in der Region einen Fachkräftemangel auf:²

  • Spezialist:innen in Gesundheitsberufen

  • Elektriker:innen und Elektroniker:innen

  • Fachkräfte im Bereich Finanzen und mathematische Verfahren

  • Lehrkräfte

  • Spezialist:innen im Bereich Finanzen und Betriebswirtschaft

  • Bauführer:innen, Polier:innen und Produktionsleiter:innen

  • Ingenieurtechnische und vergleichbare Fachkräfte

Am anderen Ende der Rangliste stehen in der Ostschweiz Berufsgruppen mit einem deutlichen Überangebot, darunter Bürokräfte mit Kundenkontakt, allgemeine Büro- und Sekretariatskräfte sowie Spezialist:innen in Vertrieb, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit. Adecco führt dies auf die abgeschwächte regionale Konjunktur und den zunehmenden Einsatz von Automatisierung und KI zurück.²

Weshalb entspannt sich die Lage in der Ostschweiz langsamer?

Die Studie nennt keine abschliessende Ursache. Zwei Beobachtungen helfen bei der Einordnung.

Die erste betrifft die Wirtschaftsstruktur. Laut Adecco spürt die Ostschweiz die Abkühlung vor allem in der exportorientierten Maschinen-, Metall- und Präzisionsindustrie, während der private Konsum die binnenorientierten Branchen stützt.² Fachleute im Finanz- und Rechnungswesen werden in nahezu jeder Branche gebraucht, vom Industriebetrieb über das Treuhandbüro bis zur Gemeindeverwaltung. Ihre Nachfrage hängt deshalb weniger an einer einzelnen Branche als etwa jene nach Fachkräften in der Exportindustrie.

Die zweite Beobachtung betrifft die Seite der Stellensuchenden. Der Index misst ein Verhältnis. Wo wenige Menschen eine Stelle suchen, bleibt dieses Verhältnis eng, auch wenn weniger Stellen ausgeschrieben werden. Im Kanton St. Gallen lag die Arbeitslosenquote im September 2026 bei 2,0%, schweizweit bei 3,0%.3,4 Der Kreis verfügbarer Fachkräfte ist in der Region also kleiner als im Landesdurchschnitt.

Was gilt für Buchhalter:innen, Controller:innen und Treuhänder:innen?

Für das Finanz- und Rechnungswesen ist das Ostschweizer Ergebnis aufschlussreich. Mit den Fachkräften im Bereich Finanzen und mathematische Verfahren sowie den Spezialist:innen im Bereich Finanzen und Betriebswirtschaft stehen zwei Finanzgruppen auf der regionalen Mangelliste, während sie national nicht unter den vier Mangelgruppen erscheinen.¹,² Buchhalter:innen sind nach der internationalen Berufsklassifikation ISCO-08 der ersten dieser Gruppen zugeordnet. Bürokräfte in der Buchhaltung zählen dagegen zu den Bürokräften.5

Zu diesem Befund gehören zwei Einschränkungen. Erstens weist die Ostschweizer Auswertung auch für die Fachkräfte im Bereich Finanzen einen Rückgang der offenen Stellen pro stellensuchende Person aus.² Der Mangel besteht weiter, er ist aber kleiner geworden. Zweitens verläuft die Grenze entlang der Qualifikation: Während qualifizierte Finanzfachleute knapp bleiben, zeigen allgemeine Büro- und Sekretariatskräfte ein Überangebot.² Auf nationaler Ebene beobachten Adecco und die Universität Zürich zudem, dass Berufe mit hoher KI-Exponierung, darunter kaufmännische und administrative Berufe, die stärksten Rückgänge bei den offenen Stellen verzeichnen.¹

Die Daten unterscheiden nicht nach einzelnen Stellenprofilen. Sie legen aber nahe, dass sich die Suche nach einer Leiter:in Rechnungswesen oder einer Controller:in mit eidgenössischem Fachausweis deutlich von der Suche nach einer Person für einfachere administrative Aufgaben unterscheiden kann. Wer beide Profile mit denselben Kanälen und Erwartungen sucht, unterschätzt den Aufwand für die spezialisierte Stelle leicht.

Wie hat sich der Arbeitsmarkt 2026 entwickelt?

Die regionale Auswertung des Fachkräftemangel Index liegt bisher nur für 2025 vor; die Ausgabe 2025 erschien am 27. November 2025.² Die verfügbaren Zahlen für 2026 zeigen eine Stabilisierung, aber keine Entwarnung.

Gemäss SECO lag die Arbeitslosenquote in der Schweiz im September 2026 bei 3,0%. Die Zahl der beim RAV registrierten Stellensuchenden stieg gegenüber dem Vorjahresmonat um 6,5% auf 227'592; gleichzeitig waren bei den RAV 18,3% mehr offene Stellen gemeldet als ein Jahr zuvor.³ Der Swiss Job Market Index von Adecco und der Universität Zürich verzeichnet für das dritte Quartal 2026 ein Plus von 0,8% bei den ausgeschriebenen Stellen, sowohl gegenüber dem Vorquartal als auch gegenüber dem Vorjahresquartal.⁶

Laut Beschäftigungsstatistik des Bundesamts für Statistik meldeten im zweiten Quartal 2026 33,9% der Unternehmen in der Schweiz, gewichtet nach Beschäftigten, Schwierigkeiten bei der Rekrutierung qualifizierter Arbeitskräfte, 0,4 Prozentpunkte mehr als im Vorquartal.⁷ Für die Ostschweiz wird mit 40,5% der höchste Wert aller Grossregionen ausgewiesen.⁸

Diese Werte stammen aus unterschiedlichen Erhebungen und lassen sich nicht miteinander verrechnen. Gemeinsam deuten sie darauf hin, dass sich das Ostschweizer Bild von 2025 im laufenden Jahr nicht grundlegend verändert hat.

Was bedeuten die Zahlen für die Rekrutierung in KMU?

Regionale Zahlen statt nationaler Schlagzeilen. Nationale Meldungen zur Entspannung beschreiben einen Durchschnitt. Für die Personalplanung im Rechnungswesen in der Ostschweiz sind die regionalen Auswertungen aussagekräftiger. Wer eine Vakanz plant, kann Zeitrahmen und Budget an diesen Werten ausrichten und für spezialisierte Profile eine längere Time to Fill einplanen.

Den kleinen Kreis der Stellensuchenden mitdenken. Bei einer Arbeitslosenquote von 2,0% im Kanton St.Gallen erreicht ein Inserat vor allem Personen, die gerade aktiv suchen. Viele qualifizierte Buchhalter:innen und Controller:innen sind angestellt und sprechen eher auf eine direkte Ansprache an als auf eine Ausschreibung. Welche Kanäle in der Konversion besser abschneiden, beschreibt unser Beitrag «Vom Inserat zur Einstellung: Was die Umwandlungsrate im Recruiting wirklich verrät».⁹

Anforderungen präzise formulieren. In einem knappen Markt kosten unscharfe Profile doppelt: Sie schrecken passende Fachkräfte ab und ziehen unpassende Bewerbungen an. Konkrete Ansätze dazu enthält unser Beitrag «Treffer statt Masse: Fünf Massnahmen für eine bessere Vorselektion im Recruiting».¹⁰

Bestehende Kontakte pflegen. Der interne Talentpool umfasst ehemalige Mitarbeitende und Silbermedaillen-Gewinner:innen aus früheren Prozessen. In einer Region mit wenigen verfügbaren Fachkräften kann ein gepflegter Kontakt die Time to Fill der nächsten Vakanz verkürzen.

Wie talentgate dabei unterstützt

talentgate ist ein kuratierter Talentpool für das Finanz- und Rechnungswesen mit Fokus auf der Ostschweiz. Jedes Talent im Pool wurde persönlich interviewt, darunter auch passiv suchende Fachkräfte, die keine Inserate lesen. Unternehmen sehen eine pseudonymisierte Vorschau mit Kurzbeschrieb, Systemkenntnissen, Lohnvorstellung, Pensum und Matchingscore und schalten Dossiers bei Interesse kostenlos frei. Eine Success Fee fällt erst an, wenn Unternehmen und Talent sich auf eine Anstellung einigen. In einem regionalen Markt mit wenigen verfügbaren Fachkräften kann dieser Zugang die Ausschreibung ergänzen.

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Jeremias Bär
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Talent Scout & Co-Founder talentgate